Mind our Education – Educate our Minds.
Global Call for Action von Obessu.

 

Jedes Jahr am 17. November findet der International Students’ Day statt. Dieses Jahr lautet das Motto »Mind our Education – Educate our Minds«. Das Organising Bureau of European School Student Unions (OBESSU) hat dazu eine groß angelegte Kampagne gestartet und einen Global Call for Action veröffentlicht, dem wir als SV-Bildungswerk uns angeschlossen haben. Im Rahmen unserer Beteiligung an der Kampagne hat uns dieser Brief unseres Klima-Botschafters Tibor erreicht:

»Bildungsknast, das sagte letztens ein Mensch zu mir. Bildungsknast, das wäre doch die Schule und diese brauche doch dringend eine Reform, oder besser noch, eine Revolution. So gehe das doch nicht weiter. Da das in mir viele Fragen aufwühlte, werde ich genau diese aufgewühlten Gedanken probieren, in Worte zu fassen.

Wie schaffst du es, junge Menschen zu bilden, ihnen kritisches Denken zu vermitteln und sie auf die noch kommende Welt vorzubereiten? Ein paar einflussreiche Menschen müssen sich vor vielen Jahren mal diese Frage gestellt haben, sie sinnvoll beantwortet haben und dann das Gegenteil davon verwirklicht und dieses Kind Schulsystem genannt haben. Nach heutigem Wissen ist es belegt, dass wir Menschen dann am besten lernen, wenn wir uns für etwas begeistern und freiwillig Dinge erarbeiten. Trotz dieses Wissens werden Kinder ab 5–7 Jahren gezwungen, täglich in einen Bildungsraum zu gehen, welcher alles andere als freiwillig und keineswegs auf individuelle Interessen ausgelegt ist.

Anstatt heranwachsenden Menschen darzulegen, was die Zukunftssituation bietet und ihnen die Werkzeuge in die Hand zu geben, diese trotz alledem selber zu gestalten, werden unter dem Vorwand eines unumstößlichen Systems die Akzeptanz ebendieses Systems gelehrt und in diesem Bezug werden auch schon im Grundschulalter Kindern Hierarchien aufgezwungen. Statt Kindern und Jugendlichen kritisches Denken zu vermitteln, wird ihnen nur eine Seite der Welt gezeigt: die, welche gerade herrscht. Damit wird jeglicher Veränderung der Wind aus den Segeln genommen und werden jeglicher grundlegenden Verbesserung die Flügel gestutzt. Eine Lehrperson meinerseits erklärte mir vor einiger Zeit, dass alle Aspekte unseres heutigen Lebens von Geld bestimmt seien. Wir sprachen nicht über die Probleme, welche genau das mit sich bringt, wir sprachen nicht über Utopien oder Welten, welche anders funktionieren könnten. Nein, der Satz lautete „das sei eben so.“ Damit war dieses Thema erstickt worden. Auf diese Art und Weise funktioniert viel unseres Unterrichts. Dafür möchte ich auf keinen Fall die Lehrpersonen beschuldigen, denn selbst wenn es gewillte Lehrer*innen gibt, welche sich auf Interessen einlassen und den Schüler*innen Dinge beibringen, welche auch außerhalb der Prüfungen Nutzen tragen, kann das entweder nur in einem sehr kleinen Rahmen stattfinden oder aber die Schüler*innen verpassen Stoff, welcher im Kerncurriculum geschrieben steht und haben Nachteile bei folgenden staatlichen Prüfungen und/oder in Folgeschulen.

Auch einen sogenannten „Safe Space“ bot mir die Schule ab der fünften Klasse selten und ab der Oberstufe niemals. Durch meine häufige Arbeit mit Kindern der 5.-8. Klassen lernte ich auch deren Umgang miteinander oftmals kennen und ich kenne wenige Bereiche, in denen Menschen mehr auf ihre Äußerlichkeiten reduziert, auf ihr Geld beschränkt und auf ihre Freundschaften heruntergerechnet werden. Mädchen müssen in das vorgegebene Muster passen, hübsch und nett sein während sogenannte Jungs mutig und stark seinen müssen. Passt ein Kind nicht in diese Rastermuster, hat es oftmals wenige bis keine Freunde und wird von anderen gemobbt. Nach dem Konzept »Friss oder werde gefressen.« beteiligen sich oftmals fast alle Mitschüler*innen an exkludierenden Aktionen und Mobbing. Warum ist in der Schule so viel Zeit für Dinge, die Menschen so schnell wieder vergessen aber so wenig Zeit für das Lernen von wertschätzendem, zwischenmenschlichem Umgang?!

Doch nicht nur von Seiten der Schüler*innen wird gewertet und verurteilt, schon alleine das Konstrukt der Bewertung in der Schule übt Druck, Zwang und eine gewisse Form von Gewalt aus. Nicht nur deine Leistungen werden in Noten von 1 bis 6 beurteilt, dein ganzes Wesen wird danach gemustert. Hast du viele gute Noten, bist du folglich ein Streber, kommst du mit der Art des Lernens nicht klar und schreibt somit schlechte Noten, bist du dumm. Ich sah noch fast nie Schüler*innen, welche durch schlechte Noten motiviert waren, mehr zu lernen und zu üben. Diese Wertung wird oftmals als absolut wahrgenommen und baut nur Druck auf. Dieser Druck und die Angst vor einer weiteren Herabwertung, der selbst führt dann zu einem vermehrten Lernen. Diese Art der Erpressung und des Zwangs, das ist für mich Gewalt und diese sollte auch in dieser Form nicht auf Menschen ausgeübt werden.«

Was sind die Auswirkungen dieses Drucks und Zwangs, dieser psychischen und mentalen Gewalt? Die Antwort auf diese Frage steckt gewissermaßen schon in der Frage selbst. Diese Werkzeuge des modernen Schulalltags führen zu Verzweiflung, Angst, Depression… Wir könnten diese Liste ewig fortführen. Das sind aber auch alles nur abstrakte Begriffe, unter denen wir wenig verstehen. Konkret: Stimmungsschwankungen, sprunghaftes Denken, schlechtes Selbstwertgefühl oder impulsive Handlungen können Symptome dieser Krankheiten sein. Aber zugleich auch Symptome eines verkalkten Schulsystems und seiner Methoden. Den Zielen, die sich Schule einst auf die Fahne geschrieben hat (“Förderung [der] Anlagen und Erweiterung [der] Fähigkeiten”, SchulG RLP 2016), wird sie nicht gerecht. Mit fatalen Folgen für eine Jugend, die mit diesem Normalzustand aufwächst. Was können wir dagegen tun?

Sensibilisierung! Junge Menschen müssen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie eines oder einige dieser Symptome bei sich entdecken. Damit sie diese Symptome entdecken und erkennen können, muss ein Bewusstsein dafür entstehen, dass sogenannte »Mental Health Disorders« real sind und ein Problem darstellen. Wir schließen uns den Forderungen von OBESSU (Organising Bureau of European School Student Unions) an: »Allen Schüler*innen muss ein gesundes Schulumfeld garantiert werden, damit sie ihr Recht auf Bildung voll nutzen können!«
(MIND Our Education: Global Call For Action 17th of November)